03. - 06.10.2024

Herbstseminar. Oktober.

Ärzt*innengewalt und medical gaslighting: Rückblick auf das Vereinstreffen von Junge Nierenkranke Deutschland e.V. in Wittenberg

Beim Vereinstreffen von Junge Nierenkranke Deutschland e.V. kamen die Mitglieder zusammen, um sich dem emotional schwierigen Thema von Gewalterfahrung unter der Führung einer Psychologin zu nähern und Bewältigungsstrategien zu lernen. Die Veranstaltung in einen theoretischen und einen praktischen Teil getrennt, sodass Erlerntes direkt erprobt werden konnte.

Der Junge Nierenkranke Deutschland e.V. richtet sich mit seinem Angebot zum einen an Menschen mit Nierenerkrankungen aller Art, die bereits im Kindesalter (bis zum 18. Lebensjahr) an den Nieren erkrankt sind aber auch Menschen, bei denen bis zum 45. Lebensjahr eine Nierenerkrankung festgestellt wurde. Ein wichtiger Grundstein des Vereinslebens bilden Präsenzveranstaltungen, die neben den Onlineveranstaltungen veranstaltet werden. Das Programm der Seminare wird von und mit den Mitgliedern gestaltet: Es werden Information über körperliche Phänomene (Prä-Dialyse, über Dialyse bis hin zum Thema Nierentransplantation) sowie psychosoziale Aspekte mittels Expert*innen abgedeckt.

Beim diesjährigen Herbstseminar vom 03.-06.10.2024 trafen an einem informativen und abwechslungsreichen Tagungswochenende insgesamt 23 Teilnehmer*innen aufeinander. Im Fokus stand das Thema Gewalt durch Ärzt*innen, welches im Laufe des Wochenendes aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet wurde.

Donnerstag: Ankunft und Kennenlernen

Das Wochenende begann am Donnerstagabend mit einem gemeinsamen Abendessen, das als informelle Kennenlernrunde diente. Die Teilnehmer*innen konnten erste Kontakte mit neuen Mitgliedern knüpfen, alte Freund- und Bekanntschaften wieder treffen und sich auf die bevorstehenden intensiven Tage einstimmen.

Freitag: Auftakt mit Ausstellung und Paneldiskussion

Der Freitag startete mit einem Besuch im Futurea Science Center, einer Ausstellung, die sich mit Landwirtschaft und der vielseitigen Nutzung von Harnstoff beschäftigt. Harnstoff ist für nierenkranke Menschen vor allem als Blutwert bekannt und von hoher Bedeutung, da es Hinweise auf die Funktion des Organs bietet. Das Museum bot eine kreative Möglichkeit sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen Diese interessante Exkursion bot einen anregenden Einstieg in den Tag und ließ Raum für neue Perspektiven und lockeren Austausch untereinander. Der ungezwungene Rahmen bot die ideale Möglichkeit sich bereits hier über das Seminarthema auszutauschen.

Nach einem gemeinsamen Mittagessen begann mittags der moderierte Seminarblock unter der Leitung von Frau Dr. Schöffling. Sie ist Psychotherapeutin aus Mainz und bietet Seminare für Selbsthilfevereine zu diversen Themen an. Wir eröffneten den Nachmittagsteil mit einer Vorstellungsrunde, bei der durch ein Aktivierungsspiel die Gruppe weiter zusammenwuchs. In entspannter Atmosphäre wurden Erwartungen ausgetauscht und der Rahmen für die kommenden Tage gesetzt, um sicherzustellen, dass individuelle Bedürfnisse und Fragen in die Diskussionen einfließen konnten.

Ein zentraler Punkt des ersten Blocks war die Definition und Klärung dessen, was Gewalt für die Gruppe bedeutet. Es wurde intensiv diskutiert und erste praktische Beispiele durchgespielt, wie Gewalt in medizinischen Kontexten wahrgenommen werden kann. Diese Übung ermöglichte den Teilnehmer*innen, ihr Wissen zu vertiefen und Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Der Tag endete mit einem besonderen kulturellen Highlight: Die Gruppe besuchte ein historisches Luthermal am Marktplatz, mit einem Gaukler, der die Teilnehmer*innen mit seiner Show unterhielt und für gute Stimmung und eine stärkende Gemeinschaft sorgte.

Samstag: Kommunikationsstrategien und Stadtführung

Der Samstag begann mit einer morgendlichen Meditation, die für einen ruhigen und konzentrierten Start in den Tag sorgte. Nach dem Frühstück standen verschiedene Kommunikationskonzepte im Mittelpunkt. Unter anderem wurden das Eisberg-Modell, die gewaltfreie Kommunikation sowie die Technik des Stop-Sagens vorgestellt. In Gruppenarbeiten erarbeiteten die Teilnehmer*innen Lösungsansätze für herausfordernde Situationen, die sie aus ihrer eigenen Erfahrung kannten.

Kleines Fazit des Austauschs: Wir dürfen unseren eigenen Gefühlen und Wahrnehmungen trauen und diese auch Äußern. Wir haben das Recht Stop und Nein zu sagen und uns verbal gegenüber Ärzt*innen und Pflegepersonal zur Wehr setzen. Es ist hilfreich, zu formulieren, welche Erwartungen wir gegenüber dem medizinischen Personal haben. Medizinischem Personal dürfen Grenzen gesetzt werden und wir dürfen diese deutlich äußern. Hilfreich ist es auch jemanden Vertrautes mit ins Arztgespräch zu nehmen. Bleiben unsere Bemühungen fruchtlos kann es hilfreich sein Strukturell innerhalb der Klinik/ Praxis Maßnahmen zu ergreifen zum Beispiel mit dem/ der Vorgesetzen sprechen, nach einem Gewaltschutzkonzept, einer Aufstellung von Maßnahmen, die bei Gewalt zu ergreifen sind und entsprechende Ansprechpartner*innen, zu fragen oder als ultima ratio rechtliche Schritte zu ergreifen.

Nach dem vor allem sitzenden Seminarteilen, unternahmen wir am Samstagnachmittag Spaziergänge in Kleingruppen. Die Spaziergänge sollten einen ungezwungenen Rahmen bieten sich auszutauschen und gleichzeitig die Stadt ein wenig kennen zu lernen. Hier wurde im Rahmen des Spaziergangs auch nochmals Seminarinhalte reflektiert und an manchen Stellen noch weiter vertieft.

Den Abschluss des Tages bildete ein gemeinsames Abendessen in einem griechischen Restaurant. Hier hatten die Teilnehmer*innen die Möglichkeit, die Eindrücke des Tages Revue passieren zu lassen und sich in geselliger Runde weiter auszutauschen.

Sonntag: Abschied und Abreise

Am Sonntagmorgen traten die Teilnehmer*innen nach einem letzten gemeinsamen Frühstück die Heimreise an. Das Wochenende bot nicht nur fundierte Informationen und Anregungen zum Thema Ärzt*innengewalt, sondern auch reichlich Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und sich intensiv auszutauschen.

Insgesamt war das Wochenende eine bereichernde Erfahrung, die sowohl das Thema Ärzt*innengewalt als auch die Kommunikationsfähigkeit und den Austausch innerhalb der Gruppe gestärkt hat.

von Julia Szymetzko-Ley